Weil bei meinem Sohn mit 5 Jahren ADHS *Aufmerksamkeitsdefiztisyndrom mit Hyperaktivität* festgestellt wurde,möchte ich Euch hier einen kleinen Einblick verschaffen.
ADD steht für das englische "Attention-Deficit-Disorder" (Deutsch: ADS = Aufmerksamkeitsdefizitstörung) und bezeichnet im Kern eine neurobiologisch begründete Diagnose, welche durch erhebliche Beeinträchtigungen der Konzentration und Daueraufmerksamkeit, durch Störungen der Impulskontrolle und der emotionalen Regulation sowie fakultativ durch motorische Hyperaktivität bzw. Unruhe gekennzeichnet ist. Vor allem eine unbehandelte ADS (mit Hyperaktivität: ADHS) kann störendes Verhalten in Schule, Familie und Freizeit, starke Verträumtheit, Entwicklungs- und Lernstörungen, in einigen Fällen auch delinquentes Verhalten und später auch Suchterkrankungen, Depressionen, Angststörungen und andere psychische Symptome oder Beziehungs- und Verhaltensstörungen hervorrufen.
ADHS (in der Schweiz teilweise noch unter dem Begriff POS bekannt), eine obligat im Kindesalter beginnende Verhaltens- und Lernstörung, wurde bereits im letzten Jahrhundert vom Frankfurter Psychiater Dr. H. Hoffmann im berühmten "Struwwelpeter dargestellt. Der englische Kinderarzt Still hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts dieses Störungsbild erstmals wissenschaftlich beschrieben: Nicht eine schlechte Erziehung oder ungünstige Umweltbedingungen wären für diese Störung verantwortlich, sondern eine angeborene Konstitution. Heute gilt ADHS als eine sehr gut erforschte Krankheit und stellt eine etablierte Diagnose dar.
DSM IV (internationales diagnostisches Manual psychischer Störungen) fordert folgende diagnostische Kriterien für ADHS:
Kriterien der Unaufmerksamkeit
Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit, Flüchtigkeit
Mühe mit der Daueraufmerksamkeit
Schwierigkeit zuzuhören
Mühe mit Anleitungen und bei alltäglichen Verrichtungen, Mühe, Sachen zu Ende zu bringen
Mühe, sich länger geistig anzustrengen
Häufiges Verlieren und Verlegen
Leichte Ablenkbarkeit durch äussere Reize
Ist im Alltag übermässig vergesslich
Kriterien der Hyperaktivität und Impulsivität (für die Diagnose fakultativ)
Ständige Unruhe in Händen und Füssen
Mühe, ruhig sitzen zu bleiben
"Zappelphilipp" (bei Erwachsenen innere Unruhe)
Schwierigkeit, ruhig zu spielen
"Innerlich wie von einem Motor angetrieben"
Übermässiges Reden
Antworten, bevor Frage vollständig gestellt wurde
Kann nur schwer warten
Störendes Verhalten gegenüber anderen
Der Beginn dieser Symptome liegt im Kindesalter. Die Symptome müssen sehr ausgeprägt sein, die persönliche Entwicklung nachhaltig behindern, über mindestens sechs Monate hinweg anhalten und sich in unterschiedlichen Lebensbereichen (Kindergarten, Schule, Freizeit, zu Hause oder am Arbeitsplatz) manifestieren. Neue Untersuchungen weisen darauf hin, dass bei Mädchen und überdurchschnittlich intelligenten Kindern die ADHS-Symptome sich erst ab der Pubertät entwickeln können. Je nach Ausprägungsart der Störung unterscheidet DSM-IV zwischen dem Vollbild oder Teilstörungen mit vorwiegender Aufmerksamkeitsproblematik (ADS) bzw. Hyperaktivität/Impulsivität (ADHS). Im deutschsprachigen Raum für ADD/ADHD der Terminus ADHS verwendet.
Verlauf: Lange wurde die ADHS als eine auf das Kindesalter beschränkte Entwicklungsstörung höherer Hirnfunktionen betrachtet. Das in der Schweiz etablierte POS-Konzept geht auch heute noch von dieser Erklärung aus. Es zeigt sich aber, dass auch Erwachsene in ca. 50% aller Fälle unter den Folgen dieser Störung weiter leiden. Die hyperkinetische Symptomatik verschwindet zwar häufig, die Aufmerksamkeitsprobleme (Zerstreutheit, Planungsprobleme, schlechtes Zeitgefühl), die emotionalen Störungen (Stimmungsschwankungen, innere Unruhe) und die Impulsivität halten hingegen an. Die ADHS-Symptome können andere psychische Erkrankungen wie Depressionen, Sucht- und Angsterkrankungen hervorrufen oder mit ihren einhergehen. Viele ADHS-Betroffene sind andererseits sehr kreative, spontane, intelligente und originelle Persönlichkeiten.
Als Ursache für die ADHS wird heute eine genetisch bedingte neurobiologische Funktionsstörung im Bereich derjenigen Hirnabschnitte angenommen, welche übergeordnete Steuerungs- und Koordinationsaufgaben in der lnformationsverarbeitung des Gehirns übernehmen. Das bewirkt, dass das Gehirn unwichtige innere und äussere Reize und Impulse schlecht hemmen und ausfiltern kann (chronische Reizüberflutung) und führt schliesslich zu den bekannten Symptomen wie u.a. Ablenkbarkeit und Zappeligkeit. Neuere bildgebende Untersuchungen des Gehirns von ADHS-Betroffenen zeigen eine mangelnde Aktivität und Dysregulation in gewissen Bereichen der Neurotransmittersysteme von Dopamin und Noradrenalin. Dies wiederum erklärt die seit Jahrzehnten bekannte positive Wirkung der medikamentösen Therapie mit Stimulanzien. Diese Medikamente normalisieren die neuronale Aktivität in den betroffenen Hirnabschnitten und verbessern dadurch die Filter- und Hemmfunktionen des Gehirns.
Die Diagnose wird durch die Erhebung der persönlichen und familiären Lebensgeschichte und die Verwendung strukturierter (Eltern- und Lehrer-) Fragebögen vor allem klinisch gestellt. Eine ärztliche Untersuchung muss das Vorliegen von anderen Erkrankungen, welche für das Störungsbild verantwortlich sein könnten (z.B. Epilepsie, Funktionsstörungen der Schilddrüse), ausschliessen. Bei Bedarf werden computerisierte Aufmerksamkeitstests sowie eine neurologische Untersuchung durchgeführt. Eine entwicklungs- bzw. schulpsychologische und neuromotorische Untersuchung lässt bei Kindern die häufig begleitenden Teilleistungsstörungen (Legasthenie, Dyskalkulie) und eine eventuell vorhandene leichte cerebrale Bewegungsstörung erkennen.
Therapie: In ausgeprägten Fällen ist die Medikation mit Stimulanzien (z.B.: Ritalin), oft verbunden mit einer Verhaltenstherapie, als Behandlung der Wahl anzusehen. Diese nebenwirkungsarme Therapie kann sowohl im Kindes-, wie auch im Erwachsenenalter eingesetzt werden. Sie ist in ca. 80% der Fälle erfolgreich und verbessert im Sinne einer "chemischen Brille" die fokussierte Aufmerksamkeit und die Selbststeuerung (Verhalten und Emotionen).
Das Ziel der ADHS-Therapien besteht vor allem darin, das vorhandene individuelle Potenzial besser auszuschöpfen, die oft mangelnden sozialen Kompetenzen aufzubauen und das Selbstwertgefühl der Betroffenen zu verbessern. Die medikamentöse Behandlung hat sehr individuell abgestimmt zu erfolgen und kann sich über mehrere Jahre erstrecken. Es kann auch notwendig sein, dass Ritalin aufgrund der kurzen Halbwertszeit auch während der Schulzeit eingenommen werden muss. Suchtgefahr wird nicht nur in Laienkreisen, sondern auch von einigen Ärzten heute noch fälschlicherweise postuliert. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen konnten jedoch die angebliche Suchtgefahr nicht bestätigen.